Richard David Precht – vom Staatsphilosophen zum Selbstkritik.
Oder anders ausgedrückt: Warum Corona-Aufarbeitung keine Frage des persönlichen Wohlbefindens ist.
Es gibt Menschen, die erklären uns die Welt.
Und es gibt Philosophen, die erklären uns, warum wir die Welt bisher falsch verstanden haben.
Richard David Precht gehört zweifellos zu den bekanntesten Vertretern der zweiten Kategorie.
Er denkt öffentlich. Er diskutiert öffentlich. Und gelegentlich erklärt er uns öffentlich, weshalb die Gesellschaft dringend etwas lernen müsse.
Nun war Precht kürzlich beim Journalisten Paul Ronzheimer zu Gast.
Das Thema: Corona, die damalige Debattenkultur und die Frage, was wir aus dieser Zeit eigentlich gelernt haben.
Ein interessantes Gespräch.
Besonders deshalb, weil der Philosoph inzwischen manches kritischer betrachtet, was er während der Pandemie noch verteidigt hatte.
Doch beim Zuhören drängte sich mir eine Frage auf:
Erleben wir hier die Selbstkritik eines Philosophen – oder vor allem die persönliche Betroffenheit eines Mannes, der plötzlich selbst auf der anderen Seite der öffentlichen Debatte stand?
Als der Philosoph noch auf Staatskurs war
Erinnern wir uns an die Corona-Jahre.
Ein neues Virus, erhebliche Unsicherheit, politische Notmaßnahmen und eine Gesellschaft im Ausnahmezustand.
Dass Regierungen damals Entscheidungen treffen mussten, steht außer Frage.
Aber welche Maßnahmen waren angemessen? Welche Eingriffe in Grundrechte waren verhältnismäßig? Und wie wurde mit Menschen umgegangen, die Zweifel äußerten?
Das waren schon damals berechtigte Fragen.
Precht gehörte zunächst zu den prominenten Stimmen, die staatliche Schutzmaßnahmen grundsätzlich verteidigten. In seinem Buch Von der Pflicht beschäftigte er sich ausführlich mit gesellschaftlicher Verantwortung und Solidarität.
Auch Menschen, die bestimmte Maßnahmen oder Impfungen ablehnten, kritisierte er teilweise deutlich.
Man könnte ihn damals, etwas satirisch zugespitzt, einen Staatsphilosophen nennen.
Nicht weil er für den Staat arbeitete.
Sondern weil seine öffentlichen Positionen in wesentlichen Fragen mit der staatlichen Corona-Politik übereinstimmten.
Nun darf ein Philosoph selbstverständlich Regierungspolitik unterstützen.
Aber seine eigentliche Stärke sollte darin liegen, gerade dort Fragen zu stellen, wo andere bereits überzeugt sind, die einzig richtige Antwort gefunden zu haben.
Denn zwischen einem Philosophen und einem politischen Regierungserklärer liegt ein feiner Unterschied:
Der eine fragt: „Warum ist das richtig?“
Der andere erklärt: „Warum die Regierung recht hat.“
Wenn die eigene Gewissheit ins Wanken gerät
Im Gespräch mit Ronzheimer berichtet Precht von einer belastenden persönlichen Erfahrung.
Sein hochbetagter Vater habe nach einer Corona-Impfung einen schweren gesundheitlichen Zusammenbruch erlebt.
Precht schildert seinen Verdacht, dass ein Zusammenhang bestehen könnte, und berichtet von Schwierigkeiten bei der Meldung eines möglichen Impfnebenwirkungsfalls.
Eine ernste Geschichte.
Und eine, die Mitgefühl verdient.
Dabei gilt selbstverständlich: Ein zeitlicher Zusammenhang beweist noch keine medizinische Ursache. Gerade deshalb sind sorgfältige Untersuchungen möglicher Impfnebenwirkungen so wichtig.
Doch die persönliche Erfahrung scheint Precht zum Nachdenken gebracht zu haben.
Und das ist grundsätzlich erfreulich.
Denn wer seine Meinung aufgrund neuer Erkenntnisse oder Erfahrungen verändert, zeigt keine Schwäche.
Im Gegenteil.
Die Fähigkeit zur Korrektur ist eine wesentliche Voraussetzung vernünftigen Denkens.
Aber damit beginnt die eigentliche philosophische Herausforderung erst.
Willkommen auf der anderen Seite
Precht schildert im Podcast auch, wie unangenehm er die öffentliche Kritik an seiner Person erlebt habe.
Wie er zunehmend als „umstritten“ wahrgenommen worden sei.
Wie sich sein Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit verändert habe.
Das mag persönlich belastend gewesen sein.
Aber ich musste dabei an eine andere Gruppe von Menschen denken.
An diejenigen, die während der Corona-Jahre ebenfalls als problematisch, unsolidarisch oder verantwortungslos betrachtet wurden.
Nicht alle ihre Behauptungen waren richtig.
Nicht jede Kritik war sachlich.
Und manche verbreiteten tatsächlich gefährliche Falschinformationen.
Aber es gab eben auch Menschen, die berechtigte Fragen stellten, Zweifel äußerten oder einzelne Maßnahmen kritisierten, ohne deshalb grundsätzlich Wissenschaft oder Demokratie abzulehnen.
Und hier stellt sich eine unbequeme Frage:
Hat Precht erkannt, dass eine Debattenkultur problematisch sein kann, die Menschen vorschnell in moralische Kategorien einteilt?
Oder hat er vor allem festgestellt, wie unangenehm es ist, wenn man selbst zum Gegenstand solcher Einteilungen wird?
Das ist keine Frage nach seinen persönlichen Motiven.
Es ist eine Frage nach der Reichweite seiner öffentlichen Selbstkritik.
Denn zwischen den Aussagen
„Ich wurde ungerecht behandelt“
und
„Ich habe möglicherweise selbst andere ungerecht behandelt“
liegt ein erheblicher Unterschied.
Der erste Satz beschreibt eine Erfahrung.
Der zweite könnte der Beginn wirklicher Aufarbeitung sein.
Der philosophische Spiegel
Stellen wir uns einmal vor, Richard David Precht würde vor einem Spiegel stehen.
Links sieht er den Precht der Corona-Jahre.
Überzeugt von gesellschaftlichen Pflichten.
Bereit, staatliche Einschränkungen zu verteidigen.
Deutlich in seiner Kritik an manchen Maßnahmengegnern.
Rechts sieht er den heutigen Precht.
Nachdenklicher.
Kritischer gegenüber der damaligen Debattenkultur.
Geprägt von persönlichen Erfahrungen.
Und nun fragt der Spiegel:
„Lieber Richard David, was hast du gelernt?“
„Dass man sehr schnell selbst als umstritten gelten kann.“
„Gut. Und was noch?“
„Dass öffentliche Kritik belastend sein kann.“
„Auch gut.“
Der Spiegel schweigt einen Augenblick.
Dann fragt er:
„Und was bedeutet das für diejenigen, über die du damals geurteilt hast?“
Jetzt wird es philosophisch interessant.
Denn der Spiegel ist kein Fernsehmoderator.
Er stellt keine Frage, um möglichst schnell zur nächsten überzugehen.
Er wartet auf eine Antwort.
Corona-Aufarbeitung? Unbedingt!
Besonders nachdenklich macht mich Prechts Skepsis gegenüber dem möglichen Lerneffekt einer umfassenden Corona-Aufarbeitung.
Im Gespräch äußert er Zweifel daran, ob unsere Gesellschaft bei einer künftigen großen Krise tatsächlich anders reagieren würde.
Vielleicht hat er mit dieser Befürchtung teilweise recht.
Menschen neigen zu Gruppendenken.
Zu vorschnellen Urteilen.
Zu moralischer Überheblichkeit.
Und gelegentlich dazu, ihre eigene Meinung für die letzte Stufe menschlicher Erkenntnis zu halten.
Aber daraus zu schließen, eine Aufarbeitung könne wenig bewirken, wäre ein bemerkenswerter Denkfehler.
Stellen wir uns einmal vor, man würde nach einem Flugzeugunglück erklären:
„Menschen werden auch künftig Fehler machen. Deshalb brauchen wir den Unfall nicht zu untersuchen.“
Oder nach einem schweren medizinischen Behandlungsfehler:
„Wir können nicht garantieren, dass so etwas nie wieder geschieht. Also verzichten wir auf die Fehleranalyse.“
Das wäre absurd.
Natürlich untersucht man Fehler.
Nicht weil man absolute Sicherheit schaffen kann.
Sondern weil man Risiken reduzieren, Verfahren verbessern und Verantwortung klären möchte.
Aufarbeitung ist kein Versprechen auf Fehlerfreiheit. Sie ist die Voraussetzung dafür, aus Fehlern lernen zu können.
Und was ist mit den Medien?
Eine umfassende Corona-Aufarbeitung darf sich nicht auf Politiker und Behörden beschränken.
Auch die Medien müssen sich Fragen stellen.
Welche wissenschaftlichen Unsicherheiten wurden ausreichend erklärt?
Wo wurden politische Entscheidungen kritisch hinterfragt?
Welche Perspektiven kamen zu Wort?
Und wo wurden Menschen möglicherweise vorschnell etikettiert, statt ihre Argumente sorgfältig zu prüfen?
Dabei geht es nicht darum, jede damalige Berichterstattung nachträglich schlechtzureden.
Es gab seriöse Recherchen, wichtige Warnungen und verantwortungsvollen Journalismus.
Aber es gab auch Zuspitzungen und pauschale Urteile, die einer kritischen Betrachtung bedürfen.
Ich stelle mir dazu eine Redaktionskonferenz vor.
Der Chefredakteur verkündet:
„Meine Damen und Herren, wir müssen die Corona-Zeit gründlich aufarbeiten!“
Ein Redakteur fragt:
„Auch unsere eigene Berichterstattung?“
„Selbstverständlich!“
„Auch unsere damaligen Überschriften?“
„Nun ja ...“
„Und unsere Talkshows?“
„Das müssen wir differenziert betrachten.“
„Und den Umgang mit abweichenden Meinungen?“
Kurzes Schweigen.
Dann sagt der Chefredakteur:
„Vielleicht beginnen wir zunächst mit den Fehlern der Politik.“
Eine wunderbare Idee.
Aufarbeitung ist schließlich besonders angenehm, solange sie bei den anderen stattfindet.
Wissenschaft braucht Widerspruch
Auch die Wissenschaft verdient eine differenzierte Betrachtung.
Während der Pandemie veränderte sich der Wissensstand fortlaufend.
Das war kein Beweis für wissenschaftliches Versagen.
Es ist vielmehr das Wesen wissenschaftlicher Erkenntnis, dass Hypothesen überprüft, Daten ausgewertet und Annahmen gegebenenfalls korrigiert werden.
Problematisch wird es, wenn vorläufige Erkenntnisse öffentlich wie unumstößliche Gewissheiten behandelt werden.
Ebenso problematisch ist es allerdings, wenn wissenschaftliche Ergebnisse grundsätzlich als Manipulation abgetan werden.
Beides verhindert vernünftige Diskussionen.
Zwischen blindem Vertrauen und pauschalem Misstrauen gibt es einen bemerkenswerten Ort.
Er heißt:
Kritisches Denken.
Dort darf man Fragen stellen.
Dort muss man Behauptungen begründen.
Und dort darf man seine Meinung ändern.
Eigentlich ein wunderbarer Ort.
Leider manchmal mit erstaunlich wenigen Besuchern.
Eine Gesellschaft muss sich selbst hinterfragen
Eine ernsthafte Corona-Aufarbeitung sollte konkrete Fragen beantworten.
Welche Maßnahmen waren angesichts des damaligen Wissens notwendig und verhältnismäßig?
Welche hatten unerwünschte Folgen?
Wie wurden Kinder, Jugendliche, Pflegebedürftige und ältere Menschen geschützt – und wo wurden ihre Bedürfnisse übersehen?
Wie wurden mögliche Impfnebenwirkungen erfasst und untersucht?
Wie transparent waren politische Entscheidungen?
Und welche Verantwortung trugen Medien, Wissenschaftler und prominente öffentliche Stimmen?
Das alles gehört auf den Tisch.
Nicht um nachträglich sämtliche Maßnahmenbefürworter zu verurteilen.
Nicht um sämtliche Maßnahmengegner zu Helden zu erklären.
Sondern um aus einer außergewöhnlichen Zeit möglichst viel für die Zukunft zu lernen.
Vom Sinneswandel zur Verantwortung
Kommen wir zurück zu Richard David Precht.
Es ist gut, wenn ein Philosoph frühere Positionen überdenkt.
Es ist legitim, wenn er über persönliche Erfahrungen spricht.
Und es ist verständlich, wenn er eine belastende öffentliche Debatte als solche beschreibt.
Aber von einem Philosophen würde ich mir darüber hinaus eine Frage wünschen:
„Welchen Anteil hatte mein eigenes damaliges Denken an jener Debattenkultur, die ich heute kritisiere?“
Das wäre eine bemerkenswerte Form öffentlicher Selbstreflexion.
Und sie wäre keineswegs nur von Precht zu erwarten.
Auch Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Maßnahmenbefürworter und Maßnahmengegner sollten ihre damaligen Positionen überprüfen.
Denn niemand besitzt ein Monopol auf Irrtümer.
Aber jeder hat die Möglichkeit, aus ihnen zu lernen.
Vielleicht wird die nächste große Krise erneut Fehler hervorbringen.
Vielleicht werden wir wieder streiten.
Vielleicht werden wir uns wieder vorschnell in Lager einteilen.
Doch gerade deshalb müssen wir die Vergangenheit untersuchen.
Nicht weil wir dadurch unfehlbar werden.
Sondern weil eine Gesellschaft, die ihre Fehler nicht erkennen will, kaum eine Chance hat, sie künftig zu vermeiden.
Und so bleibt am Ende eine Frage an den Philosophen:
Lieber Herr Precht, wenn Sie heute kritischer auf die Corona-Zeit zurückblicken – wäre es dann nicht gerade Ihre Aufgabe, für eine umfassende Aufarbeitung einzutreten?
Nicht nur wegen Ihrer eigenen Erfahrungen.
Sondern auch wegen all jener Menschen, deren Perspektiven damals möglicherweise zu wenig Gehör fanden.
Denn:
Wer seine Meinung ändert, hat möglicherweise etwas erkannt.
Wer sein eigenes früheres Handeln hinterfragt, hat möglicherweise etwas gelernt.
Und wer aus diesem Lernen Konsequenzen zieht, übernimmt Verantwortung.
Das wäre nicht nur philosophisch bemerkenswert.
Das wäre gesellschaftlich wertvoll.
(Bild mit KI erstellt(ChatGPT)
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